Was bleibt: Zuhause in Köln - Op Jöck

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Egal wohin der Wind mich treibt
Ich nehm' dich überall mit hin
Und bin ich auch am Ende der Welt
Ich komm' zurück, ich komm' irgendwann zurück
(Cat Ballou/Mo-Torres)



Ich ben e'ne kölsche Jung, wat willste maache?
Fritz Weber
Ich komme aus dem größten Dorf und dem geilsten Arsch der Welt. Ich bin Kölner. Ich würde nie sagen, ich wäre stolz darauf, Kölner zu sein. Stolz setzt schließlich irgendeine Art Leistung voraus, die man erbracht hat, und ich konnte ja nichts dafür, hier geboren zu werden. Aber ich bin verdammt froh darüber.
Stolz zu sein auf diese Stadt ist objektiv schwierig. Man muss in Köln nicht lange suchen, um etwas zu finden, das einen rat- und fassungslos macht. Man findet in großer Zahl Dinge, die noch unbegreiflicher sind als anderenorts, die Schlampereien der Stadtverwaltung etwa, welche der Kölner Stadtanzeiger „organisierte Verantwortungslosigkeit“ nennt, das Chaos der Baustellen, gegen das der Flughafen BER und Stuttgart 21 wie Erfolgsgeschichten aussehen, den Dreck, die Bausünden, reichlich Volk, um das man bei aller Toleranz lieber einen Bogen macht. Dass es all das in jeder großen Stadt gibt, macht es nicht besser.
"Einen Vorteil hat Köln: Kein Witz, den man über diese Stadt erfindet, kann so absurd sein wie das, was sich in ihr immer mal wieder ereignet. Es scheint, als ob man die Behauptung, Köln sei die Fernsehhauptstadt des Landes, so ernst genommen habe, dass die hiesige Politik nur noch in der Form einer täglich oder wöchentlich ausgestrahlten Seifenoper erscheinen kann." (Dietrich Leder; Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln).
Über das vermeintlich Schöne, Große und Großartige zu reden, empfiehlt sich hingegen nicht. Was es davon mal gab, versank größtenteils in 262 Bombenangriffen in Schutt und Asche. Den Rest erledigt stadtplanerischer Irrsinn.

In Städte-Rankings landet diese Stadt selten im vorderen Bereich, ziemlich egal, um was es geht. Man kann versuchen, sich dann damit zu trösten, dass eine Statistik oft nur die Meinung ihres Verfassers wiedergibt und vorzugsweise diejenigen Menschen einen Ort loben, die nie dort gelebt haben. Oder nie woanders. Wie auch immer ....
Köln ist nicht die älteste, nicht die größte, nicht die erfolgreichste und ganz bestimmt auch nicht die schönste Stadt der Welt, nicht das Weltzentrum von diesem oder jenem, keine offizielle oder heimliche Hauptstadt von Ländern oder Herzen. „Du bist keine Weltkulturstadt“, singt Tommy Engels, und erinnert so daran, dass Köln bei der Bewerbung um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2010" sogar Essen unterlegen war. Niemand, der seine sieben Sinne noch beisammen hat, behauptet ernsthaft, hier würde irgendwas leuchten, außer ewig roten Ampeln und nervigen Reklametafeln, mit denen die ganze Stadt zugekleistert zu sein scheint.
Weil mie Hätz su schläht, weil et mich usmäht ...

Nein, ich bin nicht zuerst stolz auf diese Stadt. Ich mag sie einfach, ich habe sie immer gemocht und werde sie ewig mögen. Unter allen Städten ist Köln halt meine Stadt, meine Musik, meine Sprache, meine Seele. Und wenn ein Kölner mit den Bläck Fööss singt: „Du bess uns Mam, und du blievs ewig schön!“, dann meint er das nicht architektonisch. Wie aber erklärt man diese Stadt und die bedingungslose Vernarrtheit ihrer Bewohner in sie?
Vielleicht so: „Kölsch ist nicht nur eine Sprache, nicht nur ein Zuhause, sondern eine Lebensart.“ Sagt so oder so ähnlich Miljö, eine Musikgruppe aus dem Kölschen Fasteleer.

Über Köln schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einst: „Es gibt wahrscheinlich in Deutschland keine Großstadt, in der die Durchschnittlichkeit, das Kleine, Gemütliche, Harmlose so gefeiert wird wie in Köln. Dem Kölner genügt es, Kölner zu sein. Er ist sogar stolz darauf. ... Köln ist keine Stadt. Es ist ein Zustand, ein Kegelclub in Permanenz“.
Oder, wie Joachim Blüher, der Direktor der Deutschen Akademie Rom, ein Niedersachse, es ausdrückt: „Köln ist Jeföhl. Das gibt es nur in Köln. Können Sie sich einen Stuttgarter oder Hamburger mit Jeföhl vorstellen?“ Schwierig. Stuttgarter oder Hamburger haben nicht einmal ein Wort dafür.

Und das kölsche Jeföhl leuchtet in allen Farben des Regenbogens.
"Es war jedes Mal ein besonderes Erlebnis in dem Stadion und in dieser Stadt. Ich schätze sie aufgrund ihrer Vielfalt sehr. Die Menschen hier können einfach gut leben, egal, wie sie orientiert sind." (Christian Streich, damals Trainer des SC Freiburg)
Elke Heidenreich kommt aus Hessen und hat, ehe sie sich in Köln niederließ, in München, Hamburg und Berlin gelebt. Sie wusste also, wovon sie sprach, als sie im Radio, genau gesagt im SWR, unter dem Titel „... aber Köln ist wunderbar“ einmal Folgendes gesagt hat: „Hamburg ist die Elegante unter den deutschen Städten. München ist die Prächtige. Frankfurt ist die Reiche. Bonn ist niedlich. Berlin? Kein Wort über Berlin. Berlin ist unsere einzige wirkliche Großstadt und eben deshalb völlig unerträglich. Wolfenbüttel ist auch sehr schön. Baden-Baden! Baden-Baden ist Baden-Baden, und sicher tagt dort noch immer aus Gründen, die niemand versteht, der Stammtisch der Marinekameradschaft.
Aber Köln ist wunderbar. Köln ist proletarisch. Köln ist grau, schmuddelig und normal. Um in Köln Schönheit zu entdecken, muss man lange suchen, dann aber! Dann ist es überwältigend. Der Dom ... nun ja, geschenkt. Aber wer sieht schon in der Ecke überm Hauptportal das kleine blau-weiße Emailschild mit der Hausnummer 4! In Köln wird durchnummeriert, und Gott wohnt eben Domkloster 4, da wird nicht lange gefackelt.
 
Der Kölner hat ein paar eiserne Regeln, z.B.: "Et hätt noch immer jotjejange" oder: "Einer geht noch", womit noch ein Schluck gemeint ist. Über den Kölner könnte man Bücher füllen. Der ist nicht greifbar. Schillernd entwischt er einem immer wieder, wenn man gerade zupacken will, aber die Stadt ist greifbar. Da steht sie, klotzig grau, mit ihren phantastischen Brücken über den Rhein, mit Pracht, Pomp und Kitsch und all den Bausünden der 60er und sagt: "Wem et jefällt ..." Mir gefällt's. Mir gefallen die kleinen Biere und die großen Worte.
Das schrecklichste an Köln ist der Karneval, aber eine Krankheit schleppt ja jeder mit sich rum, und man kann schließlich dann wegfahren ins Römisch-Irische Bad nach Baden-Baden.“ Soweit Elke Heidenreich.

Tja, dieser Karneval. An ihm scheiden sich die Geister. An ihm kommt man nicht vorbei, wenn es um Köln geht. Man muss Karneval nicht mögen, aber man sollte ihn mal erlebt haben, eh man sich über ihn äußert, und zwar nicht vor dem Fernseher. Wer seine Abneigung vor allem auf die Presseberichte über Exzesse meist jugendlicher Partytouristen gründet, hat sich nur die Argumente gesucht, die zu der Meinung passen, die er eh hat.
An irgendeinem Aschermittwoch druckte die lokale Zeitung einen Facebook-Post, den ich gerne als Versuch, den Kölner Karneval zu beschreiben, zitiere.

"Liebes Köln - wir müssen reden. Über diesen Karneval. Diese sechs Tage, an denen sich die Stadt in ein peinliches, grölendes Irrenhaus verwandelt. Dachte ich zumindest die ersten paar Jahre hier. Und dann wollte ich damals eigentlich nur mit Freunden einen Kaffee trinken gehen. Am Karnevalssamstag.
Nach dem Kaffee kam ein Kölsch, nach dem Café eine Kneipe. Dann viele Kölsch und viele Kneipen. Und viel Musik, und überall Menschen. Die wussten Bescheid über de ahl Frau Schmitz, dat leev Marielche – und darüber, dass man nicht aus Liebe weint. Seitdem sehe ich die Stadt anders. Im Krieg zerbombt wie kaum eine andere. Bis heute durchfressen von den alten Wunden. Und im Nachhinein zerlegt von Kölschem Klüngel und städtebaulichem Irrsinn. Und die Kölner?
Reagieren auf die wahnsinnigste Art, die ich mir vorstellen kann: Mit Humor und mit an Wahrheitsverneinung grenzendem Optimismus. Halten ihre Stadt für die beste und schönste der Welt. Ernsthaft! Dumm oder naiv kann man diese Haltung finden. Ich finde sie sympathisch und erfreulich undeutsch. Mal keine Erbsen zählen zu wollen. Nicht nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Die Wirklichkeit totzulachen, statt zu heulen. Dass diese Wirklichkeit da draußen ist, ahnen auch die Kölner.
Und versammeln sich um ihr karnevalistisches Lagerfeuer. Und singen neben lauter Blödsinn auch von der Angst vor dem Verlust der Familie, der Freunde, der Jugend, des Wohlstands, der Liebe, der Heimat. Mal hinhören. Und ziehen dabei keine Zäune hoch. Kein kölsches „Mir san mir“. Sondern wollen den Rest der Welt unter die warme Decke des Wahnsinns einladen. Meine ich zumindest vor ein paar Jahren an einem Karnevalssamstag verstanden zu haben.“
Was mich betrifft: Ich verstehe es auch so. Ich verstehe mich auch so, aber nicht, weil ich hier aufgewachsen bin. Kölner ist man nicht durch Geburt, sondern durch Bekenntnis. Ich habe viele lange Jahre an anderen Orten gewohnt, in München zum Beispiel, ganz im Westen in Pasing. Ab und zu bin ich zum Ende der Verdistraße gegangen, zum Kreisverkehr, an dem die A8 anfängt und schnurgerade gen Westen läuft. Mir war immer so, als ob ich dort in 600 Kilometern Entfernung Köln sehen konnte, da, wo man, wenn’s sein muss, auch „ze Foß“ hinlaufen würde.
Es musste nicht sein. Ich hatte ein Auto, das mich zurückbrachte, und so endete diese Geschichte wie so viele, in denen ein Kölner versucht, anderswo glücklich zu werden.

Warum das so ist? Warum, um mit den Wise Guys zu fragen, ich samstags gern rot und weiß trage, in jeder Liga, mein Bier am liebsten aus Reagenzgläsern trinke und glaube, dass noch immer alles gut wird, so lange nur der Dom steht? Nun, es hat keinen tiefen Sinn. Es ist nur, weil ich ein Kölner bin.
 
© 2024 F. Abraham
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